Schweizer Gesundheitssystem:
Überversorgung, unnötige Eingriffe – und Physiotherapie nur noch als Fitnesscenter
Das Schweizer Gesundheitssystem verfügt über moderne Medizin und viele Behandlungsmöglichkeiten. Doch viel Medizin bedeutet nicht automatisch gute Medizin. Auch in der Schweiz gibt es Überversorgung, vermeidbare medizinische Ereignisse und Behandlungen, deren Nutzen kritisch hinterfragt werden muss.
Das BAG verweist auf eine Hochrechnung internationaler Untersuchungen, nach der in der Schweiz 2'000 bis 3'000 Todesfälle pro Jahr durch vermeidbare unerwünschte medizinische Ereignisse möglich wären. Gleichzeitig hält das BAG fest, dass dazu bisher keine nationale Schweizer Studie vorliegt.
Wenn Behandlung selbst zum Risiko wird
Eine notwendige Operation kann Leben retten. Eine unnötige Operation setzt einen Menschen dagegen einem Operationsrisiko aus, ohne dass ein entsprechender medizinischer Nutzen vorhanden ist.
Die WHO weist weltweit auf erhebliche Risiken chirurgischer Versorgung und vermeidbare Schäden hin. Gerade deshalb ist die medizinische Notwendigkeit eines Eingriffs entscheidend.
Auch die Schweiz kennt schwere Fälle
Die Untersuchung der Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich stellte bei rund 4'500 Operationen eine statistische Übersterblichkeit von 68 bis 74 Todesfällen fest. Bei 307 einzeln untersuchten Todesfällen wurden 75 chirurgisch problematische Eingriffe festgestellt; 11 Todesfälle wurden als „nicht erwartbar“ eingestuft. In 13 Fällen wurde der Einsatz neuartiger Medizinprodukte als unangemessen beurteilt.
Physiotherapie ist heute nur noch ein Fitnesscenter
Auch die heutige Physiotherapie sehe ich kritisch. Aus meiner Sicht besteht sie vielerorts fast nur noch aus Übungen, Geräten, Wiederholungen und Trainingsprogrammen. Sie ist dadurch praktisch zu einem Fitnesscenter geworden.
Patienten mit Schmerzen bekommen Übungen. Patienten mit Verspannungen bekommen Übungen. Häufig lautet die Antwort wieder: trainieren.
Warum kann sich dieser Mensch überhaupt nicht mehr schmerzfrei und natürlich bewegen?
Bevor immer neue Trainingsprogramme verordnet werden, sollten die eigentlichen muskulären Beschwerden ernst genommen und behandelt werden.
Krankenkasse bezahlt – aber wie viel individuelle Behandlung bekommt der Patient?
Der Patient erhält beispielsweise einen Physiotherapietermin von rund 30 Minuten. Doch bedeutet das automatisch, dass er während dieser ganzen Zeit individuell behandelt wird?
Wenn ein grosser Teil der Therapie aus selbstständigen Übungen und Gerätetraining besteht, kann ein Therapeut mehrere Patienten parallel betreuen. Während ein Patient trainiert, kann der nächste bereits an einem anderen Gerät arbeiten. So kann Physiotherapie wirtschaftlich immer stärker wie ein Fitnesscenter organisiert werden.
Bezahlt die Krankenkasse für individuelle therapeutische Behandlung – oder zunehmend für überwachtes Training, das der Patient teilweise selbstständig durchführt?
Wissenschaft sagt Bewegung – nicht Fitnesscenter
Die Wissenschaft sagt nicht, dass Bewegung im Fitnesscenter stattfinden muss. Die WHO formuliert es deutlich: Alle körperliche Aktivität zählt. Dazu gehören Bewegung bei der Arbeit, in der Freizeit, bei der Fortbewegung und im Alltag.
Gehen ist Bewegung. Wandern ist Bewegung. Treppensteigen ist Bewegung. Gartenarbeit ist Bewegung. Mit dem Hund spazieren ist Bewegung. Körperliche Arbeit ist Bewegung.
Wenn wissenschaftliche Berichte mehr Bewegung empfehlen, bedeutet das nicht automatisch Physiotherapie, Fitnesscenter oder Gerätetraining.
Massage: Beschwerden behandeln, damit Bewegung wieder möglich wird
Wenn muskuläre Schmerzen und Verspannungen einen Menschen daran hindern, sich normal zu bewegen, sehe ich einen anderen Ansatz: Zuerst die Beschwerden behandeln.
Massage kann dabei helfen, muskuläre Spannungen und Beschwerden zu lindern und Bewegung wieder zu erleichtern. Das Ziel ist, dass der Mensch seinen Körper wieder selbstständig und natürlich im Alltag bewegen kann.
Gehen. Wandern. Arbeiten. Treppensteigen. Mit dem Hund spazieren. Sich frei bewegen.
Weniger unnötig behandeln – gezielter helfen
Das Schweizer Gesundheitssystem sollte nicht danach funktionieren, möglichst viel zu behandeln. Entscheidend ist, medizinisch notwendige und sinnvolle Behandlungen einzusetzen und unnötige Eingriffe zu vermeiden.
Dasselbe gilt für Bewegung: Bewegung darf nicht automatisch mit Fitnesscenter und Gerätetraining gleichgesetzt werden.
Über 30 Jahre Erfahrung – individuelle Behandlung statt Standardprogramm.
